ABSAGE KOLLEGAH

Unser Statement zur Absage des Kollegah-Konzerts

Wie bereits gestern angekündigt, kann das Konzert am Samstag nicht stattfinden.  Nach einem intensiven Entscheidungsprozess sind wir zu dem Entschluss gekommen, dass unter den aufgetretenen Umständen, der Schwere der Vorwürfe und aufgrund des Umgangs des Künstlers damit, das Konzert nicht mit der Philosophie des Backstage zu vertreten ist und wir keine alternativen Handlungsoptionen haben.
Wie auch schon in unserem Zwischenbericht sichtbar wurde, halten wir es aufgrund der Komplexität der Themen im Rahmen dieses Konzerts für notwendig, sowohl den Weg unserer Meinungsbildung transparent zu machen als auch eine ausführliche Begründung zum Ergebnis abzugeben.

https://www.backstage.info/images/BackstagePolitics/ZwischenstandzumKollegahKonzert.pdf

 Unser Anspruch
Wie nur wenige andere Locations nehmen wir unsere gesellschaftliche Verantwortung sehr ernst und haben uns daher seit Monaten intensiv und über alle erträglichen Maße mit diesem Konzert auseinandergesetzt. Dabei sind wir bei diesem Konzert gar nicht der für das Programm verantwortliche Veranstalter, sondern nur die Hallenvermieterin. Natürlich hätten wir einen der beiden einfachen Wege nehmen können: Entweder das Konzert mit dem Verweis auf die bekannten Vorwürfe schon vor Monaten absagen oder es stattfinden lassen mit dem Hinweis, dass die Texte juristisch nicht verboten sind und so unter die künstlerische Freiheit fallen. Beide Optionen standen für uns nie zur Debatte aufgrund der nötigen Sensibilität bei den Themen des Antisemitismus, Sexismus sowie der Homophobie. Die ganzen Dilemmata haben wir ja schon im Zwischenbericht beschrieben, hier nochmal kurz zusammengefasst:    
a)    Die zahlreichen Vorwürfe gegen Kollegah haben wir von Anfang an ernst genommen und wir haben – wie die KritikerInnen – den Künstler ebenfalls als äußerst kritisch gesehen. Es war somit absolute Voraussetzung, dass das Konzert niemals unkommentiert stattfinden darf und wir eine differenzierte Auseinandersetzung suchen müssen, selbst wenn diese sehr mühsam werden kann.
b)    Bei Konzerten in der Vergangenheit haben wir auch gesehen, dass eine Absage nicht immer die beste Methode im Engagement gegen Extremismus und Antisemitismus ist. Viele Künstler nutzen diese zur Stilisierung als Opfer, anderen verschwinden in den Untergrund oder werden noch extremer. Wir waren deswegen unsicher, ob wir der guten Sache eher schaden als helfen, da auch rechte Gruppen eine solche Absage gerne missbrauchen und für ihre Zwecke instrumentalisieren.
c)    Der Künstler hat uns hinsichtlich der Vorwürfe geantwortet, dass diese scheinbar nicht zutreffen, er kein Antisemit ist und er sich dazu gerne äußern und mit den Kritikern auseinandersetzen will. Ein solches Angebot bekommt man von Künstlern sehr selten, weswegen wir diese Chance natürlich nutzen wollten, denn was kann es Besseres geben als den direkten Austausch mit dem Künstler, der dazu führt, dass dieser sein problematisches Handeln überdenkt und entsprechend ändert?
Der Manager des Künstlers hat uns da beispielsweise bei unserem ersten Gespräch vor Monaten gesagt:  “Ist es nicht besser den verlorenen Sohn nicht wieder heim zu holen als vor der Türe stehen zu lassen?“ – Wir sind da absolut der Meinung! – aber dafür ist schon die Vorrausetzung, dass dieser wirklich geläutert ist.


Unser Anspruch war daher, diese Widersprüche, inhaltlichen Vorwürfe sowie das generelle Thema der Konzertverbote in seiner ganzen Komplexität mit den KritikerInnen, dem Künstler, der Politik und den Fans ausführlich zu diskutieren.
Leider ist dieses Vorhaben aus verschiedenen Gründen gescheitert. Am Ende war der entscheidende Faktor die weiterhin provozierende, nicht vertrauensbildende, widersprüchliche und  auch uns gegenüber viel zu passive Haltung des Künstlers. Wer sich Boss nennt, sollte auch die Stärke haben, Fehler zuzugeben, seine Haltung deutlich zu erklären und vor allem Stellung zu den massiven Vorwürfen nehmen. Aussagen wie beispielsweise „Er habe auch jüdische Freunde“ sind da zu kurz gegriffen.
Bis gestern haben wir Kollegah diese Möglichkeit eingeräumt, die er aber nicht genutzt hat. Wir bedauern dies für alle Fans und verstehen natürlich eure Enttäuschung.

Die konkreten Gründe
1.    In den letzten Monaten haben wir quasi täglich versucht, eine kritische und ehrliche Auseinandersetzung zwischen dem Künstler und den KritikerInnen zu realisieren. Es war für uns immer die entscheidende Bedingung für das Zustandekommen des Konzerts, dass sich der Künstler im Vorfeld deutlich, überzeugend und ehrlich von seinen Verfehlungen distanziert und sich den entsprechend den KritikerInnen stellt. Dafür hatten wir in den letzten Monaten zwar stets  die Zusage seines Managements, ein überzeugendes Statement fehlt aber bis heute.
2.    Das gesamte Verhalten des Künstlers in den letzten Wochen konterkarierte unsere Bemühungen geradezu wie bspw. die Verhöhnung der KritikerInnen bei einem Konzert. Auch die viel zu späte und unklare Antwort auf die Frage, welche Texte auf dem neuen Album für weitere Provokationen sorgen könnten, unterstreichen die fehlende Einsicht des Künstlers zur Kooperation und Selbstkritik. Kurzum: Das Handeln von Kollegah steht immer wieder im Widerspruch zu seinen scheinbar versöhnlichen Aussagen, was für uns weder ehrlich noch vertrauenswürdig ist. 
3.    Ebenso war uns immer eine Grundbedingung, eine konstruktive Debatte über die antisemitischen oder anderen diffamierenden Inhalte in den Texten und Aussagen von Kollegah parallel zum Konzert zu führen. Hierfür bekamen wir dann im Gegensatz zu den vergangen Monate keine ausreichende verbindliche Zusage des Managements oder des Künstlers für dessen direkte und aktive Teilnahme an der von uns nun mit der „Jungen Presse“ Bayern geplanten öffentlichen kritischen Auseinandersetzung vor dem Konzert.
Ebenso  konnten wir leider  bis auf die „Junge Presse Bayern“ keine Akteure für eine solche öffentliche Diskussion gewinnen, was wir als sehr enttäuschend und traurig empfinden. Es sollte für alle, die den Kampf gegen Hass, Hetze und Diffamierung ernst meinen, doch ein echtes Anliegen sein, in der Öffentlichkeit darüber aufzuklären, damit solche Künstler zukünftig keine Bühne oder Fanzuspruch mehr bekommen.
Wir verstehen natürlich, dass sich insbesondere jüdische Verbände oder Betroffene nicht instrumentalisieren lassen wollen aufgrund der Gefahr, mit einer Diskussion ein solches Konzert womöglich noch zu rechtfertigen. Dennoch finden wir es für die Sache notwendig, über diese problematischen Inhalte zu reden. Wir hoffen, in Zukunft dafür gemeinsam Formate entwickeln zu können. 


Randkritik
Wir bedauern auch die mangelnde Unterstützung von Seiten der verschiedenen politischen und gesellschaftlichen Akteure in München. Wir haben kein Verständnis, wenn gerade bei so einem heiklen Thema wie Antisemitismus nicht mit uns direkt gesprochen, sondern nur der Weg in die Medien für populäre Verbotsphrasen oder Anschuldigungen gesucht wird. Als Backstage sind wir Kritik und Anfeindungen durchaus gewohnt, aber der Umgang der Kritiker mit uns war in den letzten Wochen teilweise unfair, stillos  und sogar existenzgefährdend.
Wir danken an dieser Stelle gerne dem Antisemitismusbeauftragten der Bayerischen Staatsregierung Ludwig Spaenle sowie dem Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter, die sich sachlich und lösungsorientiert zu diesem Thema geäußert haben.  Ebenso wie die SPD-Fraktion im Münchner Rathaus, die hier als einzige Partei unserer Bitte zu einem Austausch in dieser Sache konstruktiv und kooperativ nachgekommen ist.

Ebenso war es nicht sonderlich redlich, dass hier beispielsweise Gruppierungen mit denen wir zuvor fest das Zustandekommen von kritischen Gesprächsterminen mit dem Künstler und/oder dessen Managements vereinbart hatten, diese das dann wieder ohne entsprechende Begründung abgesagt hatten, um dann möglichst medienwirksam ein Auftrittsverbot des Künstlers zu fordern.  Gleichzeitig wurde an Dritte, wie beispielweise andere im BACKSTAGE auftretende KünstlerInnen,  Aufforderungen uns gegenüber mit einer komplett falschen Darstellung unserer Haltung wie unserer Vorgehensweise geschickt.
 
Die Medienvertreter möchten wir für die Zukunft darauf hinweisen, dass es redlich wäre, zuerst mit uns zu sprechen, bevor man unzutreffende Behauptungen in unserem Namen abdruckt. Wir sind immer für ein Gespräch offen und erklären gerne unsere Haltung, wenn wir gefragt wären. 

Konzertabsagen
Wir betonen, dass Konzertabsagen nach wie vor ein Mittel sind, das wir eigentlich ablehnen und nur in äußersten Fällen anwenden wollen. In diesem – sowie in den anderen Fällen heuer – waren diese aber unvermeidbar. Entscheidender Faktor war dabei nie der Druck von irgendwelchen Bündnissen, Linken, Rechten oder Anderen, sondern unsere eigene Meinung, die wir uns auf Grundlage unserer Philosophie und unter Einbeziehung aller Interessen gebildet haben! Dieser Weg ist sicher der schwierigste und aufwendigste.
(https://www.backstage.info/images/BackstagePolitics/BackstagePhilosophie.pdf)

Es wird im BACKSTAGE in Zukunft wohl sicherlich immer mal wieder KünstlerInnen geben, die berechtigt oder unberechtigt in der Kritik stehen. Doch es ist und bleibt unser idealistischer Anspruch, gesellschaftspolitische Verantwortung zu übernehmen und über strittige Themen aufzuklären, anstatt sie nur zu verschieben.   

Rückblick
Vielleicht war es im Nachhinein zu optimistisch oder zu naiv zu glauben, man könnte eine differenzierte Auseinandersetzung mit allen Akteuren im Engagement gegen Antisemitismus realisieren. Denn genau diese wäre Notwendigkeit, um insbesondere die jungen Fans über die Probleme in den Texten von Kollegah aufzuklären. Auch wäre es für die politischen Akteure ratsam, alle Konsequenzen und Ebenen eines Verbots zu durchdenken, da die eigene Filterblase andere Perspektiven gerne verschleiert.
Deswegen appellieren wir an alle Akteure, ob Künstler, Parteien, Bündnisse, Kritiker oder Fans, in Zukunft konstruktiv, frühzeitig und aktiv mit uns zusammen zu arbeiten, um solche Absagen zu vermeiden.
Populäre Symbolpolitik, unkommentierte Verbote oder unreflektierte Vorverurteilungen lehnen wir auch weiterhin ab, denn wir stemmen uns weiterhin gegen die zunehmende Spaltung der Gesellschaft, die leider nicht nur von den Rechtspopulisten betrieben wird.  Daher muss der Kampf gegen Antisemitismus, Rassismus, Extremismus, Homophobie oder Frauenverachtung intensiv, kooperativ, konstruktiv,  nachhaltig  und fundiert geführt werden. Gehen wir es an! 


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